Montag, 5. Dezember 2016

Advent fünf - Jetzt ist es Zeit

Es gibt auch eine Frömmigkeit, die Schlaf ist, gefährlicher Schlaf, denn sie hat ein gutes Gewissen. -
Es ist Zeit, sagt Gottes Wort, vom Schlafe aufzustehen! Noch ist Advent - wahrlich nicht kraft unserer glühenden Erwartung! Aber Er, der kommen will, gibt es nicht auf, Er ist wach, Er ist jetzt schon unser Heil und unser Helfer.
Und darum ist noch Zeit (gibt es eine frohere Botschaft?), noch immer Zeit, vom Schlafe aufzustehen -- aber:
Jetzt ist es Zeit.
Alfred Kardinal Bengsch: In Erwartung der Wiederkunft. Berlin 1966. S. 15.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Advent vier - In den Garten geworfen

Christus ist der König, weil er ist die Quelle aller Herrschaft! Christus ist das Reich, weil in ihm besteht die ganze Herrlichkeit des Reiches! Christus ist der Mensch, weil die ganze Menschheit erneuert wird in Christo!
Christus ist das Senfkörnlein, an dem die ganze Größe Gottes so klein erscheint in der ganzen Kleinheit des Menschen ... Er warf es in seinen Garten, das heißt in die Ekklesia, seine Braut ... Tief eingelegt wurde es in die Patriarchen, in den Propheten ging es auf, empor trieb es in den Aposteln, zu einem großen Baume wurde es in der Ekklesia, durch seine Gnadengeschenke trieb es viele Zweige.
Der hl. Petrus Chrysologos in einer Predigt über das Gleichnis vom Senfkorn (Lk 13, 18 f.) - Sermo 98

Samstag, 3. Dezember 2016

Tagessplitter

Eine Unterredung kam mir heute in den Sinn, die bereits eine Weile zurückliegt. Sie nahm ihren Ausgang von meiner Klage über die zuweilen höchst zurückhaltende Beteiligung der Gläubigen am gregorianischen Choral. Nun meinte mein Gesprächspartner, die Raumsituation in der Antoniuskirche sei nun einmal problematisch: die (zahlenmäßig überschaubare) Gemeinde verliere sich in diesem nach allen Seiten sehr großen und weiten Raum. Man müsste eigentlich, so die Quintessenz, eine "kleinere" Kirche haben; dies würde die zur Eucharistia versammelte Herde besser zusammenführen, was gewiß auch positive Auswirkungen auf den Gesang nach sich ziehen könnte.

Ich lasse die Tatsache hier beiseite, daß die "verstreute" Gemeinde durchaus kräftig una voce zu singen vermag, wenn nur das Programm "stimmt", wobei die Stimmigkeit allein auf die Beliebtheit bestimmter (und im Grundsatz vertrauter) Gesänge gemünzt ist. Rein praktisch und zweckmäßig gesehen läßt sich gegen das Argument kaum etwas ausrichten. Recht schmecken wollte es mir aber damals trotzdem nicht. Mich irritiert der Ansatz, und das aus mehrfachem Grund.

So steht etwa der Rückzug ins Kleine(re) konträr zur Sendung des Kyrios, zu Auftrag und Sendung - es geht um Ausbreitung und nicht darum, sich der aktuellen Lage im wahrsten Sinn des Wortes "anzubequemen". Die vielen Plätze, die unbesetzt bleiben, der irgendwie etwas "leer" wirkende Raum ... all das kann und soll uns ein Stachel im Fleisch sein. Vielleicht erinnern wir uns an den Abschluss des Gleichnisses vom großen Gastmahl, den Lukas uns überliefert:
"Schnell, geh hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führ die Armen und Krüppel und die Blinden und Lahmen hier herein. Dann sprach der Knecht: Herr, es ist geschehen, was du angeordnet hast - aber noch ist Platz. Und der Herr sprach zu seinem Knecht: Geh hinaus, die Wege und Zäune entlang, und nötige hereinzukommen, damit mein Haus gesteckt voll werde. So sage ich euch denn: Keiner von jenen Männern, die geladen waren, wird mein Mahl kosten" (Lk 14, 21-24).
Und weiter: Ist dieser Raum, diese Antoniuskirche - wir reden hier über das Haus Gottes - überhaupt "leer"? Gewiß nicht: die Herrlichkeit des Kyrios erfüllt die Höhen, die Tiefen und die Weiten. Das uns in diesem Aion fast jeglicher sensus fehlt, diese Herrlichkeit wahrzunehmen, steht auf einem anderen Blatt. Doch meistens vergegenwärtigen wir uns die Gegenwart des Höchsten auch nicht hinreichend in Geist und Gemüt. 

Jedenfalls gilt: Es gibt zweifelsohne die Versuchung, es sich in der Reduktion gemütlich oder sich zumindest das Vordergründige gefügig zu machen ... Aber! Es gibt kein zu "großes" Kirchengebäude, zumal alles Menschenwerk hinter dem darin geborgenen Allerheiligsten immer zurückbleibt. Eine Kirche kann überhaupt nicht groß genug sein! Nicht umsonst investierten die Altvorderen nach Möglichkeit stets weit mehr, als praktisch oder zweckmäßig notwendig gewesen wäre, in ihre Gotteshäuser. Wir müssen uns nicht künstlich verkleinern, sondern Sorge tragen, daß Gottes Haus, die Wohnung seiner Herrlichkeit, "gesteckt voll wird".

Zugegeben: Das ist ein höchst anspruchsvolles Programm, das wir ohne den Herrn des Hauses nicht bewältigen können. Ebensowenig werden wir aber etwas erreichen, wenn wir einfach alles so laufen lassen, wie es halt läuft (oder auch nicht). Jedenfalls konnte einst Paulus von Abraham sagen:
Bar der Hoffnung hat er doch voll Hoffnung geglaubt, daß er zum Vater vieler Völker werde (Röm 4, 18).

Advent drei - Die geschändete Braut

Weil der Bräutigam auf sich warten ließ, so sagt es die Schrift im Bilde, wurden jene zehn Jungfrauen müde (die törichten und die klugen) und schliefen ein ... Der schlafende Christ hat keinen Advent, darum ist er harmlos für die Welt. Sie spart sich den Ärger der Verfolgung. Sie braucht ihn nicht mehr ernst zu nehmen, er gehört schon zu ihr. Sie braucht nur noch ein paar Schlafmittel, und die sind billig. Man gibt ihm ein bißchen Macht, ein bißchen Anerkennung, meistens tut es auch schon das Geld oder der Genuß.
Und es ist ein erlesener Triumph, wenn die Bekenner des Reiches Gottes dies gierig aus der Hand fressen.
Denn eine verfolgte, eine arme und blutende Kirche hat immer noch etwas Großes, die Würde des Unbeugbaren. Aber eine satte, müde und reiche Christenheit, eine weltangepaßte und schlafende, ist degradiert. Sie ist eine Organisation unter anderen geworden. Selbst wenn sie der größte Machtfaktor der Erde wäre - was wäre sie anders als eine geschändete Braut?
Alfred Kardinal Bengsch: In Erwartung der Wiederkunft. Berlin 1966. S. 11.

Freitag, 2. Dezember 2016

Advent zwei - Mit fordernden Augen

Denn der Christ ist kein Weltverneiner. Er wird es nie wagen, die Schöpfung Gottes zu schmähen, er betet Ihn ja an als den Schöpfer der Welt.
Er entflieht auch nicht seinem Weltauftrag, denn sein Ideal ist keineswegs die tatenlose Sehnsucht.
Aber das Bild von der Wiederkunft sagt ihm: Diese Welt, so wie sie jetzt ist, einschließlich all ihrer Herrlichkeit, ist noch nicht deine ewige Wohnung. Es ist noch die unerlöste Welt, genauer: die noch nicht endgültig erlöste Welt. Es ist noch nicht der neue Himmel und (was nicht vergessen werden darf) die neue Erde, die Gott verheißen hat.
Und diese Erwartung ist ein Protest gegen die Gestalt dieser Welt. Der Christ blickt sie gleichsam mit fordernden Augen an.
Alfred Kardinal Bengsch: In Erwartung der Wiederkunft. Berlin 1966. S. 11 f.