Samstag, 27. Mai 2017

Auf dem Weg zum Balzer Herrgott

Balzer Herrgott bei Gütenbach im Schwarzwald
Doch sieh, der Baum umfangen hält
das viel verachtet Bild aus Stein
und nimmt ihn ganz in sich hinein,
den Schmerzensmann, den Herrn der Welt.
Denkspruch auf einer Tafel beim Balzer Herrgott
Auf einem Bergkamm über Gütenbach im Schwarzwald befindet sich eine sogenannte Weidbuche, die in ihrem Holz eine Christusfigur birgt, den Torso des Gekreuzigten - den Balzer Herrgott. Die Herkunft des Bildes liegt im Dunkel der Vergangenheit; wohl stammt er von einem alten Weg- oder Hofkreuz und wurde, bar der Arme und Beine, zwischen die Stämme der Buche gestellt, welche der Baum mehrfach ausgebildet hatte. Seither umwächst das Holz Jahr um Jahr des Heilands Bild, und es wäre wohl kaum noch zu sehen, hätte man nicht vor Jahren zumindest den Bereich um das Haupt zurückgeschnitten. Am vergangenen Freitag hatte ich mich auf Weg zum Balzer Herrgott gemacht.

Solche "Touren" plane ich in der Regel entweder minutiös oder so gut wie überhaupt nicht. Letzteres war diesmal der Fall - ich dachte, der Weg würde gewiß gut ausgeschildert und das Ziel kaum zu verfehlen sein. Verfehlt hatte ich es dann auch nicht; mich verlaufen jedoch trotzdem. Ein Wegweiser hieß mich beim Start einer gelben Raute folgen; nach rund dreieinhalb Kilometern sollte ich vor dem Balzer Herrgott stehen. Der Weg zog sich hin, das Ausbleiben einer harschen Steigung zum Auftakt, von der ich im Vorfeld gelesen hatte, ließ mich zwar leicht stutzig werden, doch zuerst war's mir mit dem sanften Auf und Ab recht, zumal weite Strecken im Schatten lagen und sich zur Seite immer wieder das Tal dem Blick öffnete. Doch je länger ich ging, desto mehr mißtraute ich meinen Schritten. Sollte ich nicht längst mein Ziel erreicht haben? Wo könnte der Wanderparkplatz abgeblieben sein, an dem mich die gelbe Raute vorbeiführen sollte? Hatte ich vor einer guten halben Stunde, als ich schon einmal kurz gestutzt hatte, die Wegweisung nicht richtig gedeutet und den falschen Pfad eingeschlagen?

So marschierte ich weiter, des Weges zunehmend unsicher, und grübelte. ob ich nicht besser umkehren sollte ... diese Kurve noch, nun gut, die nächste auch ... und vor meinem inneren Auge hatte ich plötzlich das Bild des Balzer Herrgotts, dieses aus dem Holz sich ringende Haupt, und im Gemüt ein Wort aus Psalm 26, das mir tags zuvor bereits aufgefallen war, nachdem ich einen Blick auf den Introitus des Sonntags nach der Himmelfahrt des Kyrios geworfen hatte: "Zu dir spricht mein Herz: Ich suche dein Antlitz, dein Antlitz, Herr, will ich suchen". Das Wort begleitete mich in meinem Zweifel, ob der eingeschlagene Weg noch der rechte sei, auch wenn ich mich ärgerte, womöglich eine falsche Richtung eingeschlagen, mich ärgerte, diese kleine Tour nicht besser vorbereitet zu haben, mich ärgerte, eher orientierungslos statt zielgerichtet auf irgendeinem dusseligen Waldweg herumzulaufen. Nach der nächsten Kurve "kehrst du um", sagte ich mir, und suchst einen anderen Weg. Zum Glück tat ich so dann doch nicht, denn eine erneute Biegung weiter stand ich bald vor einem Wegweiser: Gütenbach mit Balzer Herrgott, vier Kilometer. Ich wurde freilich auf einen ungemütlichen Pfad geschickt, der steil an Höhe gewann. Der Verlauf dieser kleinen Wanderung - ich keuchte und kroch jetzt den Berg hoch - begeisterte mich in diesem Augenblick wenig. Sicher: Ich war wieder in eine Spur gekommen, aber lauter Freude fand ich keine daran. In den Schenkeln zuckten die Muskeln, miese Kondition und mangelndes Training schlugen voll auf. 
Zu dir spricht mein Herz:
Ich suche dein Antlitz,
dein Antlitz, Herr, will ich suchen.
Keine Ahnung, was sich der Psalmist gedacht hatte, als er davon schrieb, nicht nur das Antlitz des Herrn zu suchen, sondern es suchen zu wollen. Der Exeget nennt das wohl einen parallelismus membrorum, aber mir schien der biblische Autor allzu gut zu wissen, daß dieses Suchen in der Tat und vor allem eine Frage des Willens und Wollens, eine Frage des Geistes ist, mithin herausfordernd gegen alles Fleisch und mancherlei Bequemlichkeit. Nicht zuletzt hielt mich das Antlitz des Gekreuzigten in seinem Stamm auf den Beinen und trieb mich voran. Das so zu sagen mag, zugegeben, ein wenig überzogen fromm scheppern, und es hätte gewiß letztlich nicht Bildes noch Baumes bedurft, einen solchen Weg (besser trainierte Zeitgenossen dürften sich ohnehin drüber necken) zu zwingen - aber vielleicht teilt jemand meinen Eindruck, daß einem manchmal eine Unruhe packt, ein Vorwärts-Kommen-Wollen um eines bestimmten Zieles willen. Wie auch immer ... plötzlich hatte der Weg den Kamm erreicht, die Steigung wurde ruhiger, den einen und anderen Meter noch - und ich stand vor dem Balzer Herrgott. Das Antlitz, das ich suchte. Das Antlitz aus armem Stein, von Menschenhand behauen, durch das hindurch Gottes Leiden-Schaft, die Liebe Gottes auf uns Menschen schaut.


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Übrigens: Der Weg, der sich als Kurzfassung einer Rundwanderung erwies, welche ich gegen die übliche Richtung einschlug, und über dessen Verlauf ich mich zunächst wunderte, dann ärgerte, dieser Weg erwies sich zwar als der längere, aber auch als der schönere Gang zum Balzer Herrgott - im Vergleich zur gegenläufigen Route, die mich nach Gütenbach zurück brachte. Vielleicht mag auch dies etwas für den Weg unseres Lebens, für den Weg mit Gott, den Weg zu Gott ... bedeuten.

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